Hey Trullesand, warum heißt das Album „Virtuosität & Defizit“?

Der Titel meines Albums steht schon seit dem Jahr 2000 fest, das sind dreizehn ganze Jahre. Ich schrieb zu dieser Zeit ab und zu Albumkritiken fürs Chemnitzer Stadtmagazin „dreisiebeneins“ und so dachte ich intensiv über den Begriff der Virtuosität nach. Es klingt streng und ungerecht, aber viele Alben haben für mich nur einen oder zwei virtuose Momente, der Rest ist Füllmaterial. Dabei sind es diese Momente, die entscheiden, ob der Hörer das Album bzw. die Musik mag, ohne dass er sagen kann, warum. Das Zuwenig an Virtuosität gibt es aber nicht nur in der Musik, schau dich um, und du siehst wenig Virtuoses, sei es in der Architektur, in der Mode, in der Politik.

Virtuosität hat etwas mit „sich trauen“ zu tun, mit „es durchziehen“ und „bis zum Letzten treiben“. Zu viele Entscheider zerstören Virtuosität und machen daraus nur billigen Kitzel. Zu wenige erkennen wahre Virtuosität und fördern diese. Deshalb schätze ich das wenige richtig Geile. Der Basslauf in Talk Talk´s „It´s My Life“? Geil. Das „Seestück“ von Gerhard Richter? Geil. Die Bergiselschanze von Zaha Hadid? Geil. Hat Glamour etwas Virtuoses? Aber sicher! Empfinde ich Trullesand als glamourös? Klar!

Es klingt schwülstig, aber mit dem Album wende ich mich an Leute, die noch an etwas glauben. Die gemerkt haben, dass Glamour nicht seicht sein muss, sondern – wie es Nietzsche sagen würde – „zur Verzückungsspitze gereichen kann“. Ich mag Leute, die sich frustriert vom Kleingeist der ultra-kommerziellen Musik abgewendet haben, aufs Fernsehn verzichten und sich lieber mit Freunden auf ein alkoholisches Getränk treffen und danach noch ein Gedicht schreiben.

Mir tut es weh, wenn schlechte Lieder die Charts überwiegen, weil es zeigt, wie weit wir uns von der Musik der Musik willen entfernt haben. Ich bin ehrlich empört, dass viele Künstler von heute selbst keine Musiker sind. Sie sind nichts weiter als ein hübsches Gesicht, dem ab und zu Worte in den Mund gelegt werden, damit sie ein wenig interessanter wirken. Eigentlich sind solche Künstler Gefangene ihres Managements. Ihr Erfolg ist nicht ihr eigener Erfolg. Von Virtuosität läßt sich in diesem Falle höchstens als „Kunst des Verkaufens“ reden. Ein schaler Gedanke.

Für mich als Künstlerin ist die Virtuosität in der Musik, sei sie selbst gemacht oder selbst gehört, natürlich das oberste Ziel. Jeder Song sollte ein bis drei virtuose Momente haben. Zugleich fühle ich mich wie eine Hochstaplerin, wenn ich von mir als „Künstlerin“ spreche, weil ich mir bewusst bin, dass ich nach dreizehn Jahren schwanger gehen mit diesem Album noch immer am Anfang stehe, die virtuosen Momente noch zu spärlich gesät sind. Deshalb wird das im Titel auch relativiert mit dem schönen Wörtchen „Defizit“. Denn damit kenne ich mich aus! Mehr dazu im nächsten Eintrag.

Ein Gedanke zu „Hey Trullesand, warum heißt das Album „Virtuosität & Defizit“?

  1. Roger Taylor, Drummer der legendären Rockband Queen, sagte einmal sinngemäß, dass heutzutage jeder einen Computer hat und damit Musik machen kann. Das bringt die Menschen zwar näher an die Musik, die Qualität wird aber immer schlechter.

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